Naturschützer schlagen zurück? Eine Richtigstellung

Am 29.11.2013 erschien in der MOZ ein Artikel mit der Überschrift „Lila Kühe und Marmeladenstullen“, auf den Beate Blahy, Vorsitzende des NABU-Regionalverbandes Angermünde, mit einem Leserbrief geantwortet hat. Er wurde am 3.12.13, in der MOZ unter der Überschrift „Naturschützer schlagen zurück“ in Teilen bzw. in Bearbeitung veröffentlicht.

Abgesehen von der reißerischen Überschrift, die geeignet ist, Aggression auszulösen, ist auch durch die Bearbeitung ihres Textes der Inhalt entstellt worden. Deshalb weist sie den Artikel, so wie er veröffentlicht wurde, deutlich zurück. Im Folgenden ist ihre Richtigstellung zu lesen.

Grundsätzlich ist es nicht in meiner Absicht, zurück- oder irgendwohin zu schlagen, sondern, und das habe ich auch in meinen begleitenden Mails betont, es geht mir um Aufklärung, Information und Richtigstellung. Ich habe kein Interesse daran, Bäuerinnen und Bauern zu verunglimpfen oder ihnen Böswilligkeit zu unterstellen.

Im erschienenen Artikel ist eine unzulässige Vermischung der von mir vorgetragenen Argumente mit eigenen Inhalten des Redakteurs geschehen. Eine gründliche Recherche vermisse ich.

Es wird von einer Region mit Großschutzgebieten und Totalreservaten gesprochen, welche als Ursache für Nutzungskonflikte zwischen Naturschutz und Landwirtschaft benannt werden. Auch hier fehlt eine gründliche Recherche.

Es gibt im Landkreis Uckermark einen Naturpark, einen Nationalpark und ein Biosphärenreservat. Der Naturpark hat keine Totalreservate (Naturentwicklungsgebiete), das Biosphärenreservat hat 3 % seiner Fläche (4.000 ha von insgesamt 130.000 ha Fläche) als Naturentwicklungsgebiet aus der menschlichen Nutzung genommen, und im Nationalpark, der von internationalen IUCN-Kriterien geprägt wird, ist ein Anteil von 51 % als Naturentwicklungsgebiet angestrebt.

Im Biosphärenreservat liegt der weitaus überwiegende Flächenanteil der Naturentwicklungsgebiete in Wäldern und hat somit keinen Einfluss auf landwirtschaftliche Nutzungsarten.

Der Artikel vom 29.11.13 unterstellt den BürgerInnen, die eine zunehmende Besorgnis äußern angesichts der gegenwärtig stattfindenden „ordnungsgemäßen Landwirtschaft“, sie hätten ein idealisiertes Bild von der Marmeladenstullen schmierenden Bauersfrau. Das mag auf einige Menschen zutreffen und entzieht sich meinem Beurteilungsvermögen, jedoch liegen inzwischen so viele alarmierende Fakten auf dem Tisch, dass es höchst verantwortungslos ist, sie zu ignorieren.

Und die abwertende Beurteilung von tausenden Menschen, die sich inzwischen in Bündnissen organisieren, um eine Agrarwende herbeizuführen, alle als idealisierende RomantikerInnen hinzustellen, widerspricht den Tatsachen und kann nur der Versuch sein, eine ernsthafte Bewegung zu diskriminieren.

Wie viele Nachrichten und Studien brauchen wir denn noch, ehe wir bereit sind wahrzunehmen, dass in der Nahrung Pestizide enthalten sind, dass Boden und Grundwasser geschädigt werden, dass die Biodiversität insbesondere in der von Agrarwirtschaft geprägten Kulturlandschaft dramatisch schwindet?

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Glyphosat, Hauptbestandteil von Roundup, dem meist verwendeten Pestizid der konventionellen Landwirtschaft, geeignet ist, auch das menschliche Erbgut zu schädigen. Es wird inzwischen im menschlichen Urin bei jedem untersuchten Bürger gefunden, hat also den Weg über die Nahrungskette in den menschlichen Organismus bereits zurückgelegt.

Amphibien werden massenhaft geschädigt und getötet, insbesondere ihre Vermehrungsstadien, wenn sie mit Pestiziden in Berührung kommen.

Uran im Grundwasser stammt aus den jahrelang in die Böden eingetragenen Phosphaten, die langsam ins Grundwasser einwandern. Diese Phosphate stammen aus Düngemittelimporten, welche in uranhaltigen Gesteinen gewonnen werden. Das lässt sich mit wenig Klicks im Internet herausfinden, auch TV-Berichte haben den Fakt bereits thematisiert.

Und dass Bienen höchst bedroht sind durch Neonikotinoide, eine neue Generation von Pestiziden – ihr Orientierungssinn wird gestört, sie finden nicht mehr in den Stock zurück und sterben – ist auch kein Gerücht, sondern wissenschaftlich erwiesen. (Der Film „More than Honey“ führt das eindringlich vor Augen)

Herr Mesecke spricht von hochwertigen Nahrungsmitteln und preiswert erzeugter Energie. Beides steht sehr in Frage, wenn die Hintergründe beleuchtet werden, und das tun immer mehr Menschen. Welche hochwertigen Nahrungsmittel sind gemeint? Das Brot, welches Glyphosat enthält? Das Schweine- oder Hähnchenfleisch, in dem Antibiotikarückstände nachgewiesen werden? Spricht er von dem Fleisch, das unter Außerachtlassen jeglicher ethischer Grundsätze, in Höchstgeschwindigkeit erzeugt wird?

Und welche preiswerte Energie meint Herr Mesecke? Das Biogas aus hoch subventionierten Anlagen? Fielen die von uns Steuerzahlern getragenen Subventionen weg, wäre die Erzeugung von Biogas sofort ein Minusgeschäft. Die Flächen, auf denen – oft in jahrelanger Maismonokultur – die Rohstoffe für die Biogasproduktion erzeugt werden, sind der Nahrungsmittelproduktion entzogen, dafür lassen wir Futter in Übersee auf Flächen produzieren, auf denen früher Urwald stand, und das noch unter Einsatz von Pestiziden, die dort verheerende Schäden im Ökosystem hinterlassen.

Alle hier vorgetragenen Fakten können der Komplexität der Probleme nicht gerecht werden, es handelt sich um inzwischen global existierende Ursache-Wirkung-Ketten, für die hier nicht der Platz ist, sie darzulegen. Umso notwendiger ist es aber, anzufangen und aufzuklären und zu informieren. Dass ein gewaltiger Umbruch gerade im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion im Gange ist, haben die jahrelangen harten und schwierigen Verhandlungen in Brüssel gezeigt, die die neue Landwirtschaftspolitik in der Europäischen Union für die kommenden Jahre definieren sollten. Der anfangs zukunftsweisende und deutlich ökologisierte Entwurf, maßgeblich getragen von den Vorstellungen des EU-Kommissars Ciolos, wurde von der einflussreichen Lobby der Agrarchemieriesen stark zusammengestrichen, nur Reste sind noch in die Entschließung gelangt. Über all diese Vorgänge gibt es jede Menge an Informationen im Internet, man muss sie nur lesen wollen!

Warum fällt es den Bauernverbänden so schwer, die Argumentation der Gegenseite sachlich und emotionsfrei auf Wahrheitsgehalte zu prüfen? Sie selbst sind doch die Betroffenen, ebenso wie jeder andere Bürger auch.

Und warum wird nicht auch von politischer Seite endlich die Wende vollzogen? Die Förderung der Alternative, einer giftfreien Landwirtschaft, geschieht nur zögerlich und widerwillig, erst auf massiven Druck der Verbände hat Brandenburg die Förderung für umstellungswillige Bauern wieder in seine Förderkulisse aufgenommen. Hier fordert der Naturschutz mit Nachdruck und ohne nachzulassen ein Umsteuern, denn hier kann mit entsprechenden finanziellen Anreizen auch ein Richtungswechsel in der Landwirtschaftspraxis eingeleitet werden. Mehrfach haben konventionelle Landwirte geäußert, dass sie auch ökologischen Landbau betreiben würden oder möchten, das finanzielle Risiko für sie aber zu hoch ist und sie deshalb zögern.

Der Artikel ist geeignet, eine Front aufzumachen zwischen dem Naturschutz und der konventionellen Landwirtschaft. Das ist eine deutliche Falschdarstellung der Fakten und des Inhalts meines Briefes.

Naturschützer fordern nicht noch mehr Schutzzonen, und das ist auch nicht Inhalt meines Schreibens, sondern einen nachhaltigen Umgang mit der Kulturlandschaft, damit sie auch den folgenden Generationen noch mit fruchtbaren Böden und reicher Lebensvielfalt zur Verfügung steht, und das hat auch nichts mit Flächenkonkurrenz zu tun.

Auch für den Naturschutz ist völlig klar und unstrittig, dass Kulturlandschaft – und das ist die überwiegende Fläche auch in Brandenburg – genutzt werden kann und muss. Aber das Wie ist zu diskutieren!

Dabei fällt immer wieder der Begriff der Nachhaltigkeit, seine Bedeutung, auf eine einfache Formel gebracht, besagt, dass wir nicht mehr verbrauchen dürfen als nachwachsen kann, dass unsere Wirtschaftsform dergestalt sein muss, dass sie dauerhaft erfolgreich ist. Und diese Nachhaltigkeit wird durch unsere derzeitige Wirtschaftsweise gefährdet. Boden, Wasser, Luft sind unsere Lebensgrundlagen, verderben wir sie, haben wir den Ast abgesägt, auf dem alle, ob Tier, Mensch oder Pflanze, sitzen bzw. wachsen.

Inzwischen liegt soviel Untersuchungsmaterial, liegen so viele wissenschaftliche Studien und Einschätzungen vor, dass sie nicht mehr wegzudiskutieren sind. Was die Naturschützer wirklich wollen, ist ein fachlich gut untersetzter und sachlicher Dialog zwischen den beiden hier genannten Gruppen. Und der muss geführt werden in allernächster Zukunft. Denn nur im gemeinsamen Arbeiten werden wir auch konsensfähige Lösungen finden.

Dies anzuregen, sollte mein Brief behilflich sein, und nicht neue Kriege zwischen Bauern und Naturschützern zu entfesseln, die niemanden helfen. Im Übrigen gibt es diese beiden Kategorien so platt und einfach gar nicht. Auch in den Reihen der Landwirte gibt es ganz sicher KollegInnen, die schon längst auf der Suche sind.

Beate Blahy, NABU Regionalverband Angermünde

Advertisements
Schlagwörter: ,